2007'08.26 (Sun) 23:55
Brandenburg
Geh, geh, alter John, geh !
Von Michael Treffehn
Damit konnte niemand rechnen: 46 Jahre nach Macbeth und sechs Jahre nach Othello griff der greise Giuseppe Verdi, inspiriert und gedrängt vom Komponistenkollegen und Librettisten Arrigio Boito, nochmals auf eine Shakespeare- Vorlage zurück. Mit einem heiteren Werk wollte er sein Opernschaffen endgültig abschließen. Verdis anspruchsvolle lyrische Komödie ist nie ein Kassenschlager geworden. Für alle, die hören wollen, bleibt dieser Edelstein des Opernrepertoires aber
unverzichtbar. Über einen gewissen Sir John Falstaff, Rauhbein und Trinker, Gentleman und Verführer, ist die Zeit hinweggegangen. Das kommt vor. Er steht zu seinen Überzeugungen und Ausschauungen, auch wenn sie jetzt gar sonderlich wirken. Das finden die Weiber von Windsor lustig, ihre Männer nicht. Letztere sind jung und erfolgreich, haben Geld und schöne Frauen. Was sie nicht haben, ist Witz und Unterhaltungswert. Am Ende verliert der Draufgänger im Geldnöten das Werben um zwei Bürgerfrauen und geht doch als Gewinner von der Bühne : "Hat doch mein Witz erst den Horizont euch erweitert". Die Inszenierung der Kammeroper Schloss Rheinsberg kam jetzt für drei Aufführungen ins St.Pauli-Kloster. Schon in Rheinsberg gab es - witterungsbedingt - mehrfach den Zwang zu einer szenisch modifizierten Fassung, die jetzt für Brandenburg nochmals verschlankt werden musste. In Rheinsberg hatten die akustischen Defizite die Sänger zu tragen. Das Klangerlebnis im Pauli-Kloster ist im ersten Drittel des Zuschauerraumes ausgewogen mit leichten Nachteilen für den Orchesterklang der hinter der Spielfläche positionierten Musiker. Regisseur Kay Kunze treibt seine Darsteller wie immer zu exaktem und animiertem Spiel und schafft gemeinsam mit den farbenprächtigen Kostümen von Martina Feldmann Ensemble-Bilder von berückender Schönheit. Ganz selten kann ein dreißigjähriger Sänger alle Aussprüche an die komplexe Titelgestalt erfüllen.
Dafür schlägt sich Takeshi Hatsukano sehr achtbar. Leider wird er als tapsig- drolliger Lebemann im Clownskostüm niemals für die Damenwelt zur erotischen Gefahr, ist eher harmlos-liebenswerter Tollpatsch als lachender Philosoph. Für stimmlichen Wohlklang sorgen vor allem Keren Hadar ( Nannetta ) und Sung- Kon Kim als Mr. Ford. Mit fülligem Alt der Sonderklasse : Genevière King als Mrs. Quickly. Schlanken (Karen Nybom als Mrs. Alice Ford) und kleinen Stimmen ( der lyrische Tenor Sergey Tkachenko) kommen die Raumverhältnisse des Pauli- Kloster sehr entgegen. Weil Michael Helmrath die Partitur überaus ernst nimmt, kann sich im Spiel der Brandenburger Symphoniker sowohl der musikalische Witz als auch das Allgemeingültig-Wahrhaftige voll entfalten. Heiteres Welttheater mit Ironie und Tiefe, Feinheit und Tragik: Hier findet es statt. "Geh, geh, alter John ? zieh hin auf deinem Weg" - und und schicke deine Verwandten Gianni Schicchi und Don Alfonso schon bald zu uns, damit unser musikaliche Leben reich und erfüllt bleibt!
(Vorstellung heute 15.00 Uhr!)
Brawo, 26.08.2007
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