2007'08.25 (Sat) 00:00
25.08.2007, Märkische Allgemeine (MAZ exklusiv)
Shakespeare im Raum-Klang-Wunder
So schön kann Oper sein: Guiseppe Verdis "Falstaff" wird im Brandenburger St. Pauli-Kloster trickreich vorgeführt
ANN BRÜNINK
"Wir sind lauter Gefoppte", singt der Schlusschor in Verdis Oper "Falstaff". Doch für das Publikum der halbszenischen Aufführung, das im Pauli-Kloster in Brandenburg an der Havel die Premiere bejubelte, trifft das nicht zu. Im Gegenteil. Die Zuschauer waren Nutznießer eines Zufalls, der sich als Glücksfall entpuppte.
Sie könnte gut und gerne Verdis Ururenkelin sein, die 1966 in Mailand geborene Anna Lisa Canton, die als Oberspielleiterin für den ursprünglich vorgesehenen Regisseur Kai Kunze einsprang. Mit schalkhaftem Humor – wer kommt schon auf die Idee, Michael Helmrath, den Dirigenten der Brandenburger Symphoniker, als Postillon d’Amour für Falstaff einzusetzen? –, Musikalität und einem ausgeprägten Sinn für die Choreografie einer Inszenierung hat sie den Brandenburger "Falstaff", eine Ko-Produktion des Brandenburger Theaters mit der Kammeroper Schloss Rheinsberg, auf die Bühne gebracht.
Die Regisseurin konnte zwar auf das komplette Rheinsberger Ensemble zurückgreifen, doch die Inszenierung sollte sich deutlich von der Rheinsberger unterscheiden."Was bedeutet halbszenisch", habe sie sich gefragt, erzählt Canton, die jahrelang als Tänzerin aufgetreten ist und derzeitig als Chefbühnenmanagerin am Staatstheater Cottbus engagiert ist. Ihre Antwort war der konsequente Verzicht auf Bühnenbild, Requisiten und jedweden Schnickschnack. "Wenn ich die Leute nicht spielen lasse, dann ist die Oper tot", war sie überzeugt.
Und sie hat das Ensemble spielen lassen, und wie. Dabei hat sie genuin die räumlichen Gegebenheiten des Pauli-Klosters genutzt. Die immer wieder aufs Neue überraschende Qualität der Akustik ließ es zu, das Orchester im hinteren Teil des Altarraumes der ehemaligen Leutkirche auf einem Bühnenpodest zu platzieren und die Sänger sogar aus dem Off singen zu lassen. Davor, aber auf gleicher Ebene, entfaltete sich in einem bunten Bilderbogen die Geschichte von Falstaff, dem verarmten Ritter, der sich zwecks Aufbesserung seiner Finanzen an zwei betuchte verheiratete Damen heranmachen will, die aber trickreich an ihm Rache nehmen. Was für ein herrliches Tummeln und Fummeln, Hoffen und Harren, Hauen und Stechen.
An den Darbietungen der Sängerinnen und Sänger habe sie nichts geändert, damit sie ihren roten Faden nicht verlören, berichtet Canton. Das vermittelt ihnen eine Sicherheit, die viel Raum lässt für das genussvolle Ausagieren der Shakespeareiaden, die Verdi zu seiner schönen – teilweise lautmalerischen – Musik inspirierten. Und so überzeugen Takeshi Hatsukano als überheblich-tumber Falstaff, Sung-Kon Kim als von Eifersucht zerfressener Mr. Ford, Karin Nybom als schillernde Mrs. Alice Ford, Keren Hadar als ganz besonders entzückende Tochter Nannetta, Sergey Tkachenko als ihr schlaksig-eckiger Lieb-ster Fenton, Marian Ossandón als Mrs. Meg Page, die irgendwie immer die zweite Geige spielt, Geneviève King als die undurchsichtige Mrs. Quickly. Umwerfend komisch auch Michael Axelsson als Dr. Cajus, sowie Jänis Kursevs und Jae-Won Yang als wurschtig-unzuverlässige Falstaff-Diener Bardolfo und Pistola. Nur den Auftritt des Berliner Karl-Forster-Chors habe sie komplett verändert, erklärt Canton. Gelungen, denn die reifen Chordamen bescheren dem Publikum bei ihrem Auftritt als flatterhafte, quietschgrüne Elfen unvergessliche Momente der Heiterkeit. So schön kann Oper sein!
Nächste Aufführungen am 25. August, 19.30 Uhr; 26. August, 15 Uhr. St. Pauli-Kloster, Brandenburg/Havel. Karten unter 0 33 81/51 11 11.
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