2004'06.05 (Sat) 17:50
Endlich Premieren-Durchbruch
Oper «Il Re Teodoro in Venezia» stürmisch gefeiert
Schwetzingen - Bei den 52. Schwetzinger Festspielen hat es am Freitag den erhofften «Premieren-Durchbruch» gegeben. Die Oper «Il Re Teodoro in Venezia» in einer Neubearbeitung des deutschen Komponisten Hans Werner Henze nach dem «Dramma eroicomico» von Giovanni Paisiello (1740-1816) wurde in ihrer deutschen Erstaufführung vom Publikum stürmisch gefeiert. Die vorausgegangenen Uraufführungen der Musiktheaterstücke «Lettera Amorosa» nach Madrigalen von Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo sowie «Der gute Gott von Manhattan» von Adriana Hölszky waren vom Publikum eher ablehnend aufgenommen worden.
Die wirklich Ehrgeizigen streben schon seit Urzeiten nach einem eigenen Reich: Theodor («Teodoro») Neuhoff, ein westfälischer Baron und Abenteurer, ließ sich 1736 von Aufständischen zum korsischen König krönen. Sogar Voltaire widmete dem damaligen «Superstar» mit seinen Fantasieuniformen im Schelmenroman «Candide» eine Anekdote. Der Librettist Giovambattista Casti ließ sich durch Neuhoff zu einer Oper inspirieren, zu der Giovanni Paisiello die passende Musik beisteuerte. 1784 war dann im Wiener Burgtheater im Auftrag Josephs. II. die Uraufführung der musikalischen Verwechslungskomödie. In der Folge wurde sie über 50 Mal gezeigt und auf allen großen europäischen Bühnen aufgeführt, um danach in Vergessenheit zu geraten.
Die erfundene Handlung der Oper erinnert auf den ersten Blick eher an eine billige Vorabendserie aus der Gegenwart: Der verliebte, mittlerweile entthronte, mittellose und auf der Flucht befindliche «König» Teodoro hält insbesondere zur Aufbesserung seiner Haushaltskasse um die Hand der Tochter eines venezianischen Wirtes (Marc Kugel) an: Doch Teodoro (Dominik Hosefelder) bricht das Herz von Lisetta (Marijana Gojkovic) nicht im Sturm, da sie sich bereits mit dem Einheimischen Sandrino (Jae-Suk Kim) verlobt hat.
Darauf gewinnt der König die Hand der Angebeteten jedoch nur, weil sie sich von ihrem Verlobten Sandrino hintergangen fühlt. Doch die vermeintliche Rivalin Belissa (Rebekka Stöhr) entpuppt sich als die Schwester Teodoros, die sich an den angeblichen türkischen Sultan Acmet (Takeshi Hatsukano) heranmacht, der gleichwohl als Hochstapler unterwegs ist. Sandrino fordert, um Lisetta zurückzugewinnen, von Teodoro die Begleichung sämtlicher angehäufter Schulden. So wird der «König» später als Betrüger und Schuldner demaskiert. Er kann als Gefangener nur noch feststellen: «Wie ein Rad ist die Welt, mal ist man oben, mal unten.»
Die Opern-Inszenierung von Andrea Raabe in Zusammenarbeit mit der Karlsruher Musikhochschule wird trotz des eher banalen Stoffes zum Genuss. Die witzige, geistreiche und gegenwartsorientierte Bearbeitung Hans Werner Henzes, der schon vor zehn Jahren seine neue Orchester- und Rezitativfassung erstellte, vermischt neben der Rokokomusik Paisiellos ebenso moderne musikalische Mittel. Die Neubearbeitung wird dabei durch das Karlsruher Studentenorchester um Dirigentin Alicja Mounk gekonnt umgesetzt. Die in der Lichtregie zwischen hell- und dunkelblau, rot und grün in der Farbe wechselnde, auf drei Wände reduzierte Bühne (Tobias Dinslage), auf die Stühle, Tische und der einigartigen Hochstapler-Schrankkoffer «umhergondeln», verwirren den Zuschauer nicht. Vielmehr ermöglichen diese gestalterischen Elemente eine Konzentration auf das Wesentliche: Den Text und die Musik, die im Ambiente des Rokokotheaters besonders zur Geltung kommt.
Der «richtige» Teodoro wurde 1736 nach sechs Monaten («König für einen Sommer») hoch verschuldet wieder von der Insel gejagt. Nach einer Odyssee quer durch Europa landete er 1749 im Schuldturm von London und wurde nach seinem Tod 1755 dort auch begraben. Von Theodor Neuhoffs kurzer Regentschaft, die im Zeichen des korsischen Ringens um Unabhängigkeit stand, zeugt bis heute die korsische Flagge. Neuerdings gibt es bei korsischen Separatisten sogar Bestrebungen, seine Gebeine wieder zur Insel zurückzuführen. Die Festspiele in Schwetzingen (Rhein-Neckar-Kreis) unter Regie des Südwestrundfunks gelten mit jährlich 700 internationalen Rundfunkausstrahlungen als größtes Radio-Klassik-Festival der Welt. Seit Mai gab es insgesamt 36 Konzerte und drei Opernproduktionen zu sehen. In diesem Jahr nahmen daran über 20 000 Besucher teil.
dpa/lsw
05.06.2004 - aktualisiert: 05.06.2004, 16:55 Uhr, Stuttgarter Zeitung online
この記事のトラックバックURL
この記事にトラックバックする(FC2ブログユーザー)
この記事へのトラックバック
